Austauschbares Symbolbild für ein junges Gründerteam. (Foto: Shutterstock)

Es gibt einen Grund, warum manche Gründerteams erfolgreicher sind als andere. Und der heißt nicht harte Arbeit, sondern Privilegien. Ein Kommentar.

Was haben die Gründer von Zalando, Getyourguide, Flixmobility und N26 gemeinsam? Richtig, sie haben ihre Unternehmen zu einer Milliarden-Bewertung gebracht und gelten als unendlich erfolgreich. Vor allem aber sind sie eines: jung, männlich, weiß – und damit unendlich privilegiert. Zu glauben, ihr Erfolg beruhe nur auf einer Spitzenidee und harter Arbeit, greift zu kurz.

Aktuell geht erfolgreich gründen ungefähr so: Du musst mindestens sechzig Stunden in der Woche arbeiten, Familie, Freunde und Freizeit finden keinen Platz. Finanzielle Sorgen darf man vorher auch nicht kennen, ein Sparbuch von den Eltern muss mindestens auf Halde liegen. Verantwortung hat man ganz selbstverständlich erst mal nur für sich selbst und für seine Gründungsidee. Die Zuckerbergs dieser Welt machen es vor.

Jetzt gibt es genug Menschen, die da anerkennend nicken, „mein lieber Scholli“ denken und dieses Modell beklatschen. Ist ja fein, aber: Zu klatschen gibt es da nicht viel. Denn wenn das als das ultimative Rezept zum Erfolg gilt, bedeutet das eigentlich nur eins: Nur ein wahnsinnig kleiner Teil unserer Gesellschaft kann es überhaupt zum Erfolg bringen. Die jungen, weißen Männer aus gutem Hause nämlich. Und um dem Vorwurf zu entgehen, dass ich einfach nur gegen hart arbeitende Männer Stunk machen will, begründe ich die These gerne, warum es manche eben leichter haben als andere.

Wer keine Kinder in die Kita fährt, hat mehr Zeit

Punkt 1, das Alter. Menschen eines jüngeren Semesters, die womöglich noch studieren oder gerade ihr Studium abschließen, haben zumeist keinerlei finanzielle Verpflichtungen. Wenn noch kein Immobilienkredit abgezahlt werden will oder nur das eigene Loch im Magen auf dem Spiel steht, riskiert man seine Existenz schlicht mutiger. Das ist Fakt. Neben der finanziellen Ungebundenheit sind die meisten jungen Gründer zudem noch familiär ungebunden. Wer keine Kinder in die Kita fahren, reihenweise schmutzige Spucktücher waschen oder die Söhne vom Ballett abholen muss, hat viel mehr Zeit, von früh bis spät etwa an einer Software zu schrauben oder Business-Pläne aufzuhübschen.

Jetzt könnte man leicht mit dem Argument um die Ecke kommen, sich Verpflichtungen aufzuhalsen sei ja die eigene Wahl; wer sich Haus und Kinder ans Bein bindet, sei „selber schuld“. Andere würden sogar sagen, die armen Gründer müssten ihre Verbindlichkeiten dem Unternehmertum opfern. Okay, das ist möglicherweise eine Sicht der Dinge.

Sie müssen weniger Rollenerwartungen gerecht werden

Aber, und jetzt kommen wir zu Punkt 2 und dem viel entscheidenderen Faktor des Privilegs neben den mehr oder weniger beeinflussbaren Umständen: Die privilegierte Spezies, von der ich hier spreche, ist nicht nur jung und ungebunden, sie ist auch männlich (und identifiziert sich mit ihrem Geschlecht). Das bedeutet, dass jene Gründer nicht nur in Gänze anders sozialisiert wurden als zum Beispiel Frauen („Hier, Ben, viel Spaß mit deinem Chemiebaukasten“; „Lisa, kämmst du der Puppe mal die Haare?“), sie müssen auch nach wie vor deutlich weniger Rollenerwartungen neben dem unternehmerischen Erfolg gerecht werden.

So wird ein ungewischter Boden einem Mann bei zu viel Arbeit immer noch deutlich leichter verziehen als einer Frau. Traurig, aber wahr. Von Geschenken für die Familie, zu pflegenden Großeltern und anderen Sorgearbeiten ganz zu schweigen. Die Erwartungshaltung in unserer Gesellschaft sieht da nämlich leider eine ziemlich klare Regelung vor: Frauen arbeiten Vollzeit und übernehmen alle häuslichen Verpflichtungen und Männer – arbeiten eben Vollzeit. Studien belegen das. Dieses Sich-um-sonst-nichts-kümmern-müssen ist nicht nur ganz angenehm, es verschafft auch mehr physische und psychische Kapazitäten, die dann leichter ins Unternehmertum investiert werden können. 

Bei der Investorensuche haben sie es leichter

Als wären diese beiden Aspekte nicht schon Privilegien genug, kommen wir nun zu jenen, die für alle Minderprivilegierten beim Gründen wohl am schwierigsten zu umgehen sind: Junge, weiße Männer begegnen statistisch gesehen mit Abstand den wenigsten negativen Vorurteilen. Allein durch Hautfarbe und Geschlecht wird ihnen also per se deutlich mehr zugetraut als all jenen, die sich nicht mit diesen Merkmalen identifizieren. Warum das ein Wettbewerbsvorteil ist? In einer Branche, in der Erfolg mit Kapital steht und fällt, wird die Investorensuche zur wohl größten Hürde des Gründens. Bedenkt man aber, wie vielen positiven Vorurteilen Männer in ihrem Alltag begegnen, ist diese Hürde für sie wohl nur mit einem Hundehaufen auf dem Fußweg zu vergleichen, während Frauen und marginalisierte Gruppen meist wie Ochs vorm Kilimandscharo stehen und Wagniskapitalgeber deutlich seltener von ihrer Idee überzeugen können. Das aufzubrechen, wird zum Glück immer wieder versucht. Dass Vorurteile, mir nichts, dir nichts, in Luft aufzulösen sind, dürfte aber wohl zu den Mythen unserer Zeit gehören.

Also: Ja, ich glaube gerne, dass männliche Gründer hart und viel arbeiten. Aber: Es wird ihnen trotzdem auch auf so vielen Ebenen immer noch so viel leichter gemacht als allen anderen. Und wenn wir nicht endlich anfangen, Privilegien zu sehen, reproduzieren wir damit ein toxisches Bild in unserer Gesellschaft. Jene, die es schaffen, sind die viel zu lobenden Zugpferde unserer Wirtschaft und halten diese Welt zusammen, und jene, die es nicht schaffen, sind einfach zu faul oder zu blöd oder sowieso selber schuld. Das ist so falsch! Auf so vielen Ebenen! Und noch dazu: Ich kann mir für die deutsche Gründerkultur nichts Schädlicheres vorstellen, als über der Hälfte der Bevölkerung das Gefühl zu geben, sie könnte es eh nicht so leicht zum Erfolg bringen. Zumindest nicht so leicht wie der Kollege – der junge, weiße Mann.

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