Die Plantix-App kann bis dato rund 500 Krankheiten und Nährstoffmängel an 50 verschiedenen Nutzpflanzenarten erkennen. Der Nutzer  erfährt dabei nicht nur, was der Pflanze fehlt, sondern erhält auch konkrete Empfehlungen zur Krankheitsbehandlung. (Foto: Peat)

Das deutsche Startup Peat hat sich nichts Geringeres vorgenommen, als dabei zu ­helfen, den Hunger der Welt zu ­stillen. Mit einer App, die Pflanzenkrankheiten ­diagnostiziert. In Indien testen bereits eine ­Million Bauern das Tool.

Pierre Munzel sitzt in einem schicken Berliner Hinterhofbüro – und spricht über Landwirtschaft. Er redet über Nutzpflanzen, über Nahrungsmittelengpässe, über Ernteausfälle. „2050 werden wir knapp zehn Milliarden Menschen auf dieser Welt sein – und die musst du auch erst mal alle sattkriegen“, sagt Munzel. Er ist einer der insgesamt sieben Mitgründer von Peat.

Das Startup hat eine App namens Plantix entwickelt, die Pflanzenkrankheiten erkennen und so Landwirte vor Ernte­ausfällen bewahren soll. Laut Studien fallen rund ein Drittel aller weltweit angebauten Nutzpflanzen Schädlingen und ­Krankheiten zum Opfer. Peat will zumindest einen kleinen Beitrag dazu leisten, den Hunger der Welt zu stillen. Für Munzel und seine Mitstreiter ist es nicht das erste ­ambitionierte Projekt. Sie haben schon mit ihrer Vorgänger­organisation Green Desert Anleitungen für den Bau und Betrieb von Windrädern zur Trinkwassergewinnung in Entwicklungs­ländern erarbeitet. Jetzt versuchen sie sich als Pflanzendoktoren.

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Ob braune Flecken am Blumenkohl durch einen Pilzbefall oder Kohlschwärze ausgelöst wurden, lässt sich mit bloßem Auge oft nur schwer erkennen. Mit Plantix können Landwirte direkt auf dem Feld mit ihrem Handy ein Foto der erkrankten Pflanze machen. Die App identifiziert die Krankheitsmerk­male und gleicht sie mit einer riesigen Datenbank ab. Jeden Tag ­gehen nach eigenen Angaben bis zu 50.000 Bilder ein. Plantix kann mehr als insgesamt 500 Krankheiten und Nährstoffmängel an fünfzig verschiedenen Nutzpflanzenarten unterscheiden. Die App spuckt ­dabei nicht nur aus, was der Pflanze fehlt, sondern gibt auch ­direkt Empfehlungen, mit welchen Mitteln Pflanze oder Boden behandelt werden können.

Die Zielgruppe sind vor allem Kleinbauern, die Flächen von bis zu zehn Hektar bewirtschaften. Geografisch liegt der Fokus auf ­Indien. 200 bis 300 Millionen Menschen sind dort direkt oder ­indirekt in der Landwirtschaft tätig – ein riesiger Markt. Auf dem Kontinent verbreitet sich mobiles Internet mehr als doppelt so schnell wie im Rest der Welt. Nur in China nutzen mehr Menschen das Internet als in Indien. Schätzungen zufolge sind rund 462 Millionen Inder online und verwenden dafür ein mobiles Endgerät. Für den Erfolg von Plantix ist das ein entscheidender Faktor. Denn: Was nützt die App, wenn die Farmer auf dem Acker kein Netz haben?

Von Kleingartenvereinen und ­Tomatenpflanzen

Bis der Pflanzendoktor Plantix auf dem Handy und in der ­Hosentasche der Landwirte gelandet ist, war es ein weiter Weg. Am Anfang hatte das Gründerteam aus Geografen und Politik­wissenschaftlern nach eigener Aussage keine Ahnung von ­Machine Learning und künstlicher Intelligenz. Sie mussten sich das Wissen erst aneignen und Entwickler zur Unterstützung finden. Zudem stellte sich die Frage: Woher die Datensätze nehmen, um einen Computer auf die Schaderkennung zu trainieren? Derartige Pflanzenfotos gab es bis dato nicht in ausreichender Menge.

Sie machten sich also daran, die Bilder selbst zu beschaffen: Mithilfe von über 400 deutschen Kleingartenvereinen. Plantix wurde so zu einem Crowdsourcing-Projekt. Doch die Bildausbeute reichte noch nicht für den Aufbau einer Datenbank. Es folgte ein Selbstversuch: Rund 150 Tomatenpflanzen wurden angeschafft und mit Absicht schlecht versorgt. Mal wurde jener Nährstoff weggelassen, mal dieser. Die Pflanzen wurden krank – weiteres Futter für die Datenbank. Schließlich der Durchbruch: Die erste Krankheit wurde erkannt. Das war im Sommer 2015.

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